Donnerstag, 8. Oktober 2015

Bilder lesen - Worte finden

Vom Umgang mit Bildern in Büchern



Schon fast ein Monat ist seit meinem Workshopbesuch im Bilderbuchmuseum der Burg Wissem vergangen und bisher habe ich noch keine freie Minute gefunden, um darüber zu berichten. Bereits zum 8. Mal hat die Stiftung Illustration einen Workshop angeboten und in diesem Jahr drehte sich alles um das Thema "Bilder lesen - Worte finden - Vom Umgang mit Bildern in Büchern".

Ein gutes Bilderbuch, so sagt Christine Knödler zu Beginn des Workshops, besitzt Witz und Charme in Wort und Bild, ist ansprechend für Kinder und Erwachsene, lehrt das Sehen, soll die Fantasie anregen, soll mit seinen (vielleicht auch gewagten und außergewöhnlichen) Illustrationen den Text bereichern und bestenfalls mit ihm zu einer Symbiose führen, die Erfahrungswelt der jeweiligen Zielgruppe widerspiegeln und/oder deren Gefühlswelt offen legen, bestenfalls sogar eine neue Welt oder eine neue Sichtweise eröffnen und den Betrachter durch einen Sog in die Erzählwelt hineinführen bzw. entführen ... Gute Bilderbücher berühren, begleiten ein Leben lang und sind Erinnerungen für morgen .... ein hoher Anspruch, wie ich finde, aber dennoch gerechtfertigt. Beim Kauf eines Bilderbuches steht an erster Stelle jedoch das Bild oder wie geht es euch? Mein schon so häufig erwähntes Lieblingsvorlesebuch: "Heule Eule" hat tatsächlich den Weg im Buchladen auf diese Weise zu mir gefunden. Schon das Titelbild hat mich fasziniert und magisch angezogen. Ohne den Text genauer zu kennen, haben mich die Illustrationen so begeistert, dass ich es nicht mehr aus der Hand legen konnte. Dieses Bilderbuch begleitet mich nun schon fast zwei Jahre und hat mich bisher schon zu vielen kreativen Umsetzungen inspiriert (siehe hier, und hier). Ganz aktuell verweise ich auf meinen gestrigen Post und neue Ideen sind bereits skizziert ;-)))).

Fingerpuppenskizzen zum Nähen
für das Kreative Vorlesen der Heule Eule

Aber gibt es eine Sprache für Bilder? Während das Textlektorat überall bekannt ist, gibt es noch kein Bildlektorat für Illustratoren. Bilderbuchlektoren/-innen haben bisher keine spezielle Ausbildung, finden eher zufällig zum Beruf, sind neugierig und besitzen meist ein gutes Gespür für eine ästhetische Bildsprache. Es wird also nach dem eigenen Gefühl und Gespür bewertet und deshalb ist es von großer Bedeutung das eigene Sehen, den eigenen Blick für Bilder zu entwickeln und zu schulen. Ob das Betrachten von bedeutsamen Kunstwerken aus den unterschiedlichsten Kunstepochen oder die Auseinandersetzung mit verschiedenen Kunststilen, das eigene künstlerische Schaffen oder aber der Gedankenaustausch mit anderen Menschen über die Kunst, wichtig ist: die Vielfalt von Bildern kennen zu lernen, um Vergleiche ziehen oder Bewertungen abgeben zu können. 

"Kindermund tut Wahrheit kund!" und so fällt einem dieses Zitat wie "Schuppen von den Augen", wenn man Kindern ein unbekanntes Bilderbuch in die Hand gibt und sie zum Schluss gefragt werden, ob es ihnen gefallen hat. Sie werden eine ehrlich Antwort geben, denn Kinder sind unbefangen, offen und neugierig. Soll aber mehr als ein einfaches "Schööööön" oder wie in unserem Workshop "Scheeeen" entlockt werden, so sollte man ihnen schon früh viele unterschiedliche Bilder, Illustrationen oder Gemälde "an die Hand geben".

Wir müssen das Sehen lernen. Es reicht nicht aus nur die Gefühlswelt zuzulassen, sondern die Aufmerksamkeit muss unbedingt auch auf Einzelheiten und Details gelenkt werden. Bilder betrachten - Atelierbesuche ermöglichen - selbst künstlerisch tätig werden und die einzelnen Techniken "am eigenen Leib" erfahren bzw. erleben - Bildvergleiche ermöglichen und auch die neuen Medien miteinbeziehen sowie darüber ins Gespräch kommen - Dialoge führen: "Was gefällt dir besonders gut?; Welche Stelle ist deiner Meinung nach die schönste Stelle?; Welche Bilder fallen dir zum Text ein?; Würdest du eine Textstelle anders zeichnen oder einen Teil ändern und warum etc." => Alles zusammen hilft Kindern und Erwachsenen gleichermaßen Illustrationen und Bilderbücher  zu etwas Besonderem werden zu lassen.

 Skizze während des Workshops: Bilder lesen - Worte finden

"Man lernt das Sehen durch das Sehen", imdem man sich in die Bilder hinein vertieft. Die folgenden Punkte können helfen in die Bilderwelt und in das genaue, detailreiche Betrachten einzutauchen: Buchformat, Bildformat, Größe, Ausschnitt, Figuren (Charakter, Physiognomie, Körpersprache, Differnzierung ....), Perspektive (Vogel-, Frosch-, Zentralperspektive), Tiefenwirkung, Position des Betrachters, Muster, Raum (Kino, Bühne, freie Natur), Farben (bunt, schwarz-weiß, einfarbig, Auswahl, Kontraste, Brechung, Wirkung ....), Lichtquellen, Hell-Dunkel, Techniken, Gestaltungsmaterialien, Ausführung, Dekorative Wirkung, Handschrift des Illustrators, Verteilung der Motive (spannungsreich), Stil (realistisch, verfremdet, dekorativ, abstraktiv, gibt es eine eigene Sprache), Einzelheiten, Details, Bild als Zugabe zum Text oder ordnet es sich ein, zeitgenössisches Umfeld, sind die Bilder auch ohne Text verständlich, Symbole, Zitate (inhaltlich oder formal), Hintergrund (vernachlässigt, Konzentration auf die Hauptfiguren), Wirkung des Bildes auf den Betrachter, kann auf das Bilderbuch verzichtet werden, was weiß ich über den Illustrator .... uvm.

Ich möchte an dieser Stelle unterstreichen, dass dies eine kleine von mir mitgeschriebene Liste der Möglichkeiten ist, die dazu führen kann, das Sehen zu lernen. Dennoch muss ich als Kunstpädagogin und auch als Mutter hier betonen, dass Kinder keinesfalls überfordert werden dürfen und es oftmals ausreicht sich einen oder zwei Punkte als Schwerpunkte herauszusuchen, um das Sehen oder Vergleichen zu schulen. Denn abschließend ist das folgende Zitat von Johann Wolfgang von Goethe bedeutungsvoll: "Überall lernt man nur von dem, was man liebt" und so versuche ich mit meinem "Kreativen Vorlesen" und meinen kreativen Fähigkeiten eine Erinnerung für morgen zu schaffen.


 Kreative Umsetzung meiner Workshopskizze als Stickrahmenbild
Bilder lesen -Worte finden: Das Schaf.

Welche Worte ihr für meine neue Stickrahmenidee findet, da bin ich ganz gespannt. 
Wie immer freue ich mich sehr über eure Kommentare und danke für 
das aufmerksame Lesen und Betrachten meines Blogs.

Bildwörtliche Abendgrüße
sendet

Karin

eventuell auch zu unserem Stickrahmenprojekt,




Kommentare:

  1. Das gefällt mir wirklich richtig gut. Und das Schaft heißt Olaf?! Zumindest sehe ich immer dieses Wort darin ;) Hach, det macht schon Spaß mit dem Schreiben und Illustrieren.
    Liebe Grüße
    Anja

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  2. Liebe Anja,
    also eigentlich habe ich das Wort Schaf ins Schaf geschrieben. Ich weiß, dass man das S am Kopf nicht so gut erkennt, aber das macht den Reiz dieses Stickrahmens aus. Genaues Sehen oder Lesen, eben Bilder lesen und Worte finden: von daher passt der Name Olaf auch richtig gut ;-).

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    1. Hihi, jetzt habe ich das Schaf-Wort auch entdeckt, liebe Karin.

      Bei meinen Wochenwörtern sind ja auch einige Wortbilder dabei. Eines meiner Liebsten ist ja Schwester-♥-Stadt, wobei das Herz gleichzeitig der Stadtname meiner ♥-Stadt ist: http://wortspuren.com/wochenwort-n°37-schwesterherzstadt/

      Mit Schrift kann man so schön viel mehr machen, als sie nur zu schreiben :)

      Viele Grüße
      Anja

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  3. Liebe Karin,

    also ich finde es total toll. Es erinnert mich an meinen Kunstunterricht, in dem wir im Linolschnitt einen Monatsnamen verstecken sollten. Und ich hab den Januar in die wirbelnden Abgase eines fliegenden Jumbos integriert. Und so sieht das Schaf auch für mich aus. Es passt gut zusammen und ist sehr stimmig mit dem bauschigen Fell.
    Richtig cool wäre, wenn Dein Gras jetzt noch das Wort Wiese geschrieben hätte. Die Perlen darauf geben einen schönen Kontrapunkt.
    Also als Monatsrahmen wäre der tatsächlich perfekt. Da er mit Jeans ist, passt er genauso gut zu den anderen Rahmen.

    LG Mareike

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  4. Liebe Mareike,

    deine Idee den Namen Wiese mit hineinzuschreiben wäre tatsächlich auch super. Ja er passt schon, aber er hat keine Magnete ;-)) und ich habe noch so eine schöne Oktoberidee (mit Magneten) im Kopf. Also ich kann ihn ja auch so in unser Stickrahmenprojekt stellen (sozusagen ohne Monatsnamen). Danke für deine lieben Worte Karin

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  5. Ich bin immer wieder baff, welche neuen Ideen und Anregungen du mit deinen Stickrahmen lieferst! Das ist auch eine tolle Idee für meine Große: Bilder malen und darin den Namen des Gemalten "verstecken"!

    Liebe Grüße
    Janka :)
    (die ganz beschämt mit den Rahmen hinterherhinkt und der nach dem Lesen deines Blogs die eigenen Ideen gleich ganz banal erscheinen ;))

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  6. Wow. Du hast das so toll geschrieben, ich bin begeistert.
    Die Heule Eule zählt auch zu unseren absoluten Lieblingsbüchern.
    Und du hast recht, wenn ich in der Kinderbuchabteilung bin, wähle ich nach den Illustrationen aus und dann wird erst die Geschichte durch gesehen ob das Gesamtpaket des Buches stimmt und es mit heim darf. Meine eigenen Bücher müssen mich auch optisch ansprechen bzw haptisch interessant sein.
    Hab ich erwähnt, dass ich Bücher liebe : )
    Das Wort im Bild hab ich gleich entdeckt und ich finde dein Schafstickrahmen spitze. Hab ich erwähnt, dass ich Schafe liebe : )
    Du hast schon ein besonderes Talent, dir wunderschöne Dinge einfallen zu lassen.
    Liebe Grüße an Dich und ein schönes Wochenende. Angela

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  7. So kreativ und rundum gelungen deine tolle Umsetzung im passenden Rahmen, liebe Karin! Das klingt alles super interessant.
    Ganz liebe Grüße,
    Sabine

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  8. Das Schaf im Schaf hab eich auch sofort erkannt, liebe Karin, finde deinen Bericht äußerst gelungen und würde gerne mehr dazu lesen. Also bitte weiter und immer wieder berichten! Ich mag auch Illustrationen sehr genre und finde, sie geben einem mehr Eigendenkraum als Fotografien zum Beispiel - und auch als "richtige" Gemälde. Das finde ich als Betrachter spannend. Es ist schön, dass Illustrationen wieder anerkannter sind und finde, dass gute Illustratoren eine tolle Gabe haben, das Wesentliche zu erfassen, individuell dabei sind und dennoch nicht alles dem betrachter wegnehmen. Herrlich! LG und wie gesagt, bitte immer wieder mehr davon und dazu.
    Susanne

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  9. entzückend Dein Schaf, wie es auf Klauenspitzen über die Wiese eilt!
    herzliche Grüße und eine schöne Woche!

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